Ambiguitätstoleranz klingt nach Fachbegriff. Nach etwas, das man erklären, messen oder trainieren könnte. Für mich ist sie weniger Konzept als Erfahrung. Und vielleicht meine wichtigste berufliche Ressource.
Ambiguitätstoleranz bedeutet, Widersprüche aushalten zu können. Nicht aufzulösen, was sich nicht auflösen lässt. Nicht vorschnell zu entscheiden, wo noch kein klarer Boden ist. In meiner Arbeit ist das keine Zusatzkompetenz. Es ist Voraussetzung.
Ich arbeite mit Menschen, Situationen und Systemen, die selten eindeutig sind. Gefühle widersprechen sich. Bedürfnisse stehen nebeneinander. Gute Gründe führen in unterschiedliche Richtungen. Wer hier schnell Klarheit herstellen will, produziert oft mehr Druck als Entlastung.
Ich habe gelernt, dass Unklarheit nicht automatisch ein Problem ist. Sie wird erst dann belastend, wenn sie nicht benannt werden darf. Ambiguitätstoleranz heißt für mich, diesen Zustand ernst zu nehmen, ohne ihn zu dramatisieren. Da zu bleiben, wo andere schnell erklären, einordnen oder bewerten wollen.
In der Supervision zeigt sich das besonders deutlich. Teams wünschen sich oft Lösungen, wo eigentlich zuerst ein gemeinsames Verstehen nötig wäre. Unterschiedliche Wahrnehmungen stehen nebeneinander, ohne dass klar ist, welche „richtig“ ist. Meine Aufgabe ist es nicht, eine davon zu wählen. Sondern Raum zu halten, bis sich Zusammenhänge zeigen.
Das braucht Geduld und Vertrauen darin, dass Klarheit nicht erzwungen werden muss.
Ambiguitätstoleranz schützt vor Vereinfachung. Sie erlaubt, mehrere Perspektiven gleichzeitig im Blick zu behalten, ohne sich innerlich zerreißen zu lassen. Sie hilft, Verantwortung zu differenzieren und nicht alles auf sich zu ziehen. Gerade in komplexen Arbeitsfeldern ist das entlastend.
Diese Fähigkeit ist nicht angeboren, sie ist gewachsen. Durch Brüche, durch Rollenwechsel, durch Erfahrungen in sehr unterschiedlichen Systemen. Und durch die bewusste Entscheidung, nicht alles sofort einzuordnen.
Ich erlebe immer wieder, wie entlastend es für andere ist, wenn Unklarheit nicht sofort „behoben“ werden muss. Wenn jemand sagt: Das darf gerade so sein. Nicht als Ausrede, sondern als realistische Einschätzung.
Ambiguitätstoleranz macht die Arbeit nicht leichter.
Aber sie macht sie tragfähiger.
Sie erlaubt Leichtigkeit, wo sonst Verkrampfung entsteht.
Und Klarheit, die nicht auf Kosten von Komplexität geht.
Wenn das eine Superpower ist, dann eine leise.
Aber eine, die Kraft hat.




